Ist das Gesundheitswesen krank? (2)
Das Gesundheitswesen ist Sache der Kantone. Der Kanton besitzt, betreibt, organisiert und zertifiziert die Kantonsspitäler. Erlebnisse lassen Zweifel daran aufkommen, dass der Wille und das ganzheitliche Wohl der Patienten eine hohe Alltagspriorität haben.
Kapitel 3 bis 4
(3) Spitaleintritt und Operation: 31.08. bis 05.09.2007
Wenn die Operation für Montag geplant ist, erfolgt der Spitaleintritt am Freitagmorgen. Ich bekomme ein angeschriebenes Bett in einem Viererzimmer im 8. und obersten Stock. Ein Bett ist leer, die beiden andern Patienten machen einen munteren Eindruck. Man gibt sich allseits zurückhaltend. Die Pflegefachfrau zeigt mir den Kasten, die Dusche und macht mich wortreich mit den Gepflogenheiten des Spitals vertraut. Sie stattet mich bereits mit Saug- und Inhaliergeräten aus, auf denen ich schon einmal sanft zum Üben aufgefordert werde.
Von allen Eintretenden wird ein EKG (Elektrokardiogramm zur Bestimmung der Herzaktivitäten) erstellt. Ein freundlicher Herr nimmt mich mit durch die Lifte und Gänge des Spitals: Ich mache das bereits zum 2. Mal. Als sie mich operieren wollten, war der computergesteuerte Roboter ausgestiegen. Jetzt muss ich nochmals das ganze Aufnahmeprozedere durchlaufen. Freundlich, routiniert und routinemässig wird das Programm abgewickelt. Blutdruck, Fieber und Blutentnahme. Das Spital will immer Blut.
Mit einem rot-weissen Armband werden die für Operationen vorgesehenen Patienten markiert: „Wenn etwas passiert steht auf dem Armband, welches Blut von Ihnen stammt.“ Alle vorhandenen ärztlichen Diagnosen werden sortiert, die vielen Bilder geordnet. Weil ein Röntgenbild der Lunge fehlt, kann ich das Spital nochmals für eine Fahrt zu meinem Hausarzt, der ein solches Röntgenbild hat, verlassen.
Es ist schön draussen, ausserhalb des Spitals. Zum Mittagessen bin ich wieder zurück: Ich staune ob der Masse der Essensportionen, ob der Menge des Fleisches und ob des Appetits meiner Zimmergenossen. Ich bin ja alles andere als mager, aber so viel zu essen mag ich nicht. Der Nachmittag vergeht mit Warten.
Warten auf die Ärztin der Anästhesie. Wenn die Operationen vorbei sind – niemand weiss, wann das sein wird –, nehmen sie sich Zeit für die nächsten Kunden. Eine nette, junge Dame mit blendend weissen Zähnen fragt mich aus über frühere Operationen, Narkosen, Allergien, Medikamente, lockere Zähne und weiss ich was mehr. Sie erklärt mir die Narkose (Vollnarkose mit einem Schlauch in die Luftröhre). Sie empfiehlt mir eine zusätzliche Betäubung der vom Rückenmark ausgehenden Nerven für die Zeit nach der Operation. Vor der Narkose könne ein Schläuchlein in die Nähe des Rückenmarks eingelegt werden, durch das später Schmerzmittel appliziert werden können. Alles ist für mich so technisch, so unwirklich. Was heisst Empfehlung? Ich frage sie: Würden Sie das bei sich auch machen lassen? Ohne zu zögern antwortet sie mit „Ja“. Ich weiss nicht, ob ich jetzt gescheiter bin, auf jeden Fall sage ich zu und unterschreibe ein Formular, auf dem noch dezent auf Risiken hingewiesen wird.
Eine weitere Ärztin erkundigt sich nach dem allgemeinen Befinden: Allergien, Krankheiten, Medikamente. Die Fragen wiederholen sich, sie müssen aber für eine andere Abteilung nochmals beantwortet und unterschrieben werden. Wir stellen fest, dass die Ärztin noch gar nicht auf der Welt war, als ich vor rund 40 Jahren letztmals wegen einer Knieoperation im Spital war. Sie erkundigt sich höflich nach den früheren Zeiten und bemerkt, dass heute eh alles anders sei. Ich bin mir nicht so sicher, dass das stimmt. Aber ich bin froh, dass ich nach diesem Gespräch das Spital wieder verlassen kann. Ich bin bis Sonntagabend entlassen. Zurück bleibt das angeschriebene und belegte Bett. Selbstverständlich hätte ich über das Wochenende auch im Spital bleiben können. Ich nehme an, das Bett wird auf der Spitalrechnung stehen.
Samstag und Sonntag vergehen mit Gartenarbeit, etwas aufräumen, lesen, schreiben und spazieren. Seit Sonntagmittag bin ich gehalten, nichts mehr zu essen ausser einem wirksamen Abführmittel. Dieses schränkt den Aktionsradius ziemlich ein.
Am Sonntagabend belegen ein neuer Patient und ich das Zimmer allein. Knochendürr, ein älterer hagerer Mann scheint ziemlich krank, hört nicht gut, hat überall Schläuche und beachtet mich kaum. Umso mehr kümmert sich der Pfleger um mich. Ich bekomme einen Einlauf, obwohl ich schon ganz leer bin. Am Bett prangt ein Täfelchen mit der Aufschrift „nüchtern“. Nüchtern heisst, es gibt weder zu trinken noch zu essen. Das ist für mich kein Problem, habe ich doch im Bauch die Reserven für den ganzen Winter bei mir.
Die erste Nacht im Spital ist eigenartig. Die ungewohnten Geräusche im Haus, die regelmässigen Kontrollen im Zimmer, das rötliche Licht der Strassenlampen von Aarau bis Erlinsbach, der grumelnde Lärm der Agglomeration und die Güterzüge, die während der ganzen Nacht durch Aarau rasseln holen mich nach kurzem Einnicken immer wieder aus dem Schlaf. Da helfen nicht einmal die beruhigenden Rufe der vielen übernachtenden Krähen und Dohlen oder die schöne Aussicht auf die nächtliche Silhouette der Echolinde, der Heimwehfluh und des Solothurner Juras.
Mein Körper ist an nächtliche Dunkelheit der Landschaft und Ruhe gewöhnt. Ich staune, wie man bei so einem nächtlichen Lichtermeer und bei so viel Lärm überhaupt auf Dauer leben kann. Und dann beginnt der Morgen mit dem Gesurr von Motorsensen und anderen Maschinen. Gärtner pflegen den Park und beschallen ungeniert die Hausfassade bis in den 8. Stock. Mich stört das. Auf jedem Golfplatz muss man für die Bewilligung nachweisen, dass niemand gestört wird. Allenfalls müssen leisere Maschinen eingesetzt werden. Die Gartenpflege im Spital bedarf offensichtlich keiner Prüfung der Umweltverträglichkeit. Und die Leute in der Stadt haben sich an den Lärm gewöhnt.
Der Chefarzt persönlich kommt noch ganz rasch vorbei. Er wolle mich noch kurz sehen. Jetzt habe er noch eine längere Operation vor und nachher, so gegen Mittag, sei ich an der Reihe. Das komme gut, und er werde persönlich unmittelbar nach der Operation meine Frau informieren. Das finde ich sehr nett, fast etwas übertrieben, und bedanke mich höflich.
Dann bekomme ich eine Schlaftablette. Am Bett werden Plastiksäcke mit Akten, Ordnern und Röntgenbildern angehängt. Ein Pfleger holt mich samt dem Bett ab. Ab geht die Reise mit dem Lift und durch viele Gänge. Liegend nimmt man die Katakomben anders wahr. Ich fühle mich etwas hilflos und schiele mit den Augen voraus und auf die Seite. Durch eine Schleuse werde ich in fensterlose Hallen geschoben und andern Leuten übergeben. Eine warme Decke hüllt mich ein. Über Lautsprecher kommen Anweisungen. Ich bin in der Warteschlaufe.
Der Narkoseraum ist eng, hell beleuchtet. Das Bett ist so hoch gestellt, dass ich das Gesicht der jungen Ärztin auf Augenhöhe sehe. Sie trägt eine Haube und spricht einen östlichen Dialekt. Sie lacht immer. Hier scheint es lustig zu sein, meine ich. Fröhlich erwidert sie, es nütze nichts, wenn sie immer traurig sei.
Rasch und mit sicherer Hand arbeitet sie rund um mein Bett. Sie ruft einen Gehilfen, und gemeinsam montieren sie, nachdem sie mehrmals die Rippen von unten und oben abgezählt haben, den Schlauch in meinen Rücken. Ich spüre fast nichts und sehe nicht, woran sie hantieren. Einmal öffnet sich die Schiebetüre zum Operationssaal, Kalte Luft dringt aus einem hohen, abgedunkelten Raum. In rotes Licht getaucht arbeiten schemenhaft Menschen. Der Rest ist mit Tüchern abgedeckt und verhüllt. An der Wand hängt ein grosser Bildschirm, auf dem die Operation zu sehen ist. Die Tür geht wieder zu. Ich bekomme eine Maske vor Mund und Nase. Die Ärztin wünscht mir alles Gute und fordert mich auf, tief zu atmen. Ein süsslicher Geruch steigt in meine Nase, und ich falle in ein traumloses Nichts. Ich bin einfach weg.
Das Erwachen
Der Aufwachraum hat etwas Erhabenes. Man merkt, dass man wieder auf der Welt ist. Vor dem Fenster bewegen sich die Blätter von Platanen im leichten Abendwind. Schemenhaft huschen Gestalten von Abteil zu Abteil. Vorsichtig bewege ich die Hände, die Füsse, um zu ahnen, was noch alles vorhanden ist. Ich bin ziemlich mit Schläuchen verkabelt. Neben dem Bett steht der „Christbaum“ mit den Infusionen. Ich habe Schmerzen, etwa 6 auf der hypothetischen Skala von 0 bis 10. Die Pflegefachfrau kommt regelmässig zu mir, fragt, hängt neue Infusionen an. Die Schmerzen vergehen, die Leute haben ihren Job im Griff. Wenn ich mich nicht bewege, fühle ich mich wohlig müde. Ich dämmere still vor mich hin und werde gegen Abend zurück ins Zimmer gefahren.
Ich habe einen neuen Bettnachbarn. Er wartet auf eine Operation. Besuchszeit ist von 10 bis 20 Uhr. Von den Besuchern und Besucherinnen, oder wenn die Patienten telefonieren, erfährt man mit der Zeit alles. Alle fragen, was wer hat. Alle erzählen, was sie schon alles hatten. Jeder kennt noch einen, bei dem das auch so oder anders war. Alles fährt Schi – hiess früher ein Schlager. Der Text müsste heute heissen: Alle haben Erfahrungen mit Krankheiten oder sind selber krank. Ich wusste gar nicht, was ein Mensch allein alles haben kann und trotzdem unter dauernder ärztlicher Kontrolle zufrieden lebte: Zucker, Bluthochdruck, Herzoperationen, künstliche Gelenke. Ich staune, wie man mit Medikamenten die Körperwerte in bestimmte Normen zwängen kann. Die Leute sind den Umgang mit Ärzten gewöhnt, glauben ihnen und reagieren positiv auf sie.
Alle 4 Stunden werden bei mir Fieber, Blutdruck und Puls gemessen. Mit einer Eispackung wird kontrolliert, welcher Abschnitt des Körpers gefühllos ist. Regelmässig werden neue Wassersäcke an die Infusion gehängt. An Ruhe ist nicht zu denken. Nachts wird ein weiterer Mann ins Zimmer gebracht. Aus den Gesprächen wird rasch klar: Er ist vom Zwetschgenbaum gefallen und mit der Ambulanz ins Spital eingeliefert worden. Nach den erforderlichen Untersuchungen wird er ins Bett verfrachtet. Mit Schmerzmitteln versehen, stöhnt er leise vor sich hin.
Auf einmal stürmen Leute ins Zimmer: „Wie geht es? Bleiben Sie liegen, bewegen Sie sich nicht mehr. Sie haben den 3. Halswirbel gebrochen und bekommen eine Halskrause.“ Es vergeht einige Zeit, bis diese angepasst und verpasst ist. Am Morgen rappelt er sich wieder auf und telefoniert seinen Angehörigen. Er stammt aus einem Nachbardorf von Oberzeihen, erklärt, er habe 3 Halswirbel gebrochen, nachdem er im 7. bereits eine Schraube von einem früheren Unfall hat und bittet um gewisse Habseligkeiten. Seine Angehörgen berichten bei den Besuchen den Rest.
Die schiefe Leiter am Baum sei zu einem Pilgerort für die Dorfbevölkerung geworden. Er habe Glück gehabt, dass er sich nach dem Sturz noch so weit schleppen konnte, dass ihn jemand finden konnte. Er berichtet von Schmerzen in den Rippen und an der Schulter. Grosses Bedauern herrscht, dass ihm auf der Notfallstation die schönen neuen Gartenkleider einfach vom Leib geschnitten wurden. Eine resolute Ärztin erscheint, untersucht ihn und fährt ihn unhöflich an: „Gestern haben Sie dort Schmerzen gehabt, heute jammern Sie hier, was haben sie eigentlich? Wegen ein paar angeknacksten Rippen brauchen Sie gar kein Geschrei zu machen. Das heilt von selbst. Und übrigens habe ich Ihnen klar gesagt, der 3. Halswirbel sei gebrochen. Weshalb Sie dann weitererzählen, Sie hätten 3 Wirbel gebrochen, ist mir schleierhaft.“ Punkt.
Ich denke: „Hoppla! Die Dame ist wohl noch nie vom Zwetschgenbaum gefallen.“ Ich mische mich nicht ein. Ist auch nicht nötig: Der Mann nimmt das mit stoischer Ruhe. Er ist es offensichtlich gewohnt, die Meinung gesagt zu bekommen. Ruhig stellt er nach einer Zeit die gleichen Fragen. Die Landbevölkerung lässt sich nicht so einfach ins Bockshorn jagen. Schon gar nicht, wenn die 75-Jährigen den 85-Jährigen an den ungepflegten Bäumen ihre Zwetschgen ablesen, weil man das früher auch so gemacht hat.
Wieder aufgestanden
Nach wenigen Tagen kommt die Physiotherapeutin: „So, Herr Keller, wir stehen auf!“ Jetzt, wo ich mich so ans schmerzfreie Liegen gewöhnt habe, muss ich aufstehen. Das Aufstehen und das Gehen im Zimmer und im Gang machen mir weniger Mühe als all die Schläuche, die in den Körper führen und die ich in der Hand halten muss, und die Beutel für die Zu- und Abfuhr, die man nicht verheddern darf. Dazu ist der so genannte Christbaum, ein Ständer mit Rädern gedacht. Mit einer Hand den Christbaum schiebend, den Kopf hoch, Blick geradeaus, spaziere ich den Gang hin und her. Die Umgebung ist absolut grau und öde.
Der ältere Herr kann nach Hause. Er kann kaum alleine aufrecht stehen. Im Spital kann man ihm offensichtlich nicht zu einer Besserung verhelfen. Im Rollstuhl wird er abgeholt. Wenn er in diesem Zustand nach Hause darf, dann fehlt bei mir ja auch nicht mehr viel, denke ich.
Spitalprediger
Wenn jemand zaghaft klopft und sich so richtig scheu um die Türfalle herum ins Zimmer windet, dann könnte es der Spitalprediger sein. Er begibt sich zuerst zu meinem Bettnachbarn. Fragt höflich, ob er Lust auf ein Gespräch habe, und es beginnt eine lockere Plauderei. Nach einer abgemessenen Zeit kommt er zu mir. Mir ist es gleich, ob er hier ist, denn ich muss ja sowieso warten. Also erzähle ich ihm halt, was mit mir passiert ist und dass das, was ich eigentlich behandelt haben möchte, nach wie vor ungelöst sei. Er zeigt höfliches Interesse. Ein Wort ergibt das nächste. Ich erzähle ihm von meiner Abneigung gegenüber Spitälern und ganz kurz die Geschichte und die Spitalerfahrungen mit meiner ersten Frau.
Auf einmal fragt er: „Finden Sie Trost in der Religion?“ – „Nein“, antworte ich spontan. Ich habe gar nicht den Eindruck, dass ich Trost suche und brauche. Umso mehr erstaunt mich, was der Seelsorger meinem Gespräch entnommen hat. Hat er überhaupt zugehört? Er spürt offenbar meine Verhärtung und hat es plötzlich eilig. Vielleicht ist ja auch einfach seine Präsenzzeit abgelaufen und er muss auf den Zug, damit er rechtzeitig wieder zu Hause, im Emmental, ist.
Vergangenheitstraum
Nachts träume ich von meiner ersten Frau. Das ganze Leben spielt sich im Zeitraffer nochmals glasklar vor mir ab. Nach 20 Jahren Ehe kam 1993 die Diagnose Brustkrebs. Operation im Kantonsspital Aarau, schreckliche Chemotherapie und nachher wieder Ruhe. Die Ärzte sprachen von Heilung.
Unglaublich, was ich mit Anni alles erlebt habe. Anni war hart. Nach anfänglichem Zögern hat sie mich überall hin begleitet. Schon während des Studiums waren wir mit auf einer Exkursion in einem Kohlebergwerk in Niederösterreich. Eingekleidet wie Kumpels fuhren wir mit dem Förderlift Hunderte von Metern in die Tiefe. Durch dunkle Kavernen und Gänge wurden wir an die Abbaufront geführt. So etwas von eindrücklicher Erdgewalt habe ich noch nie und nachher auch nie mehr erlebt: In flackerndes Licht getaucht sitzen Bergmänner in einer langen Reihe unter riesigen Pressen. Jeder von ihnen drückt die Gesteinsdecke nach oben. Vor ihnen läuft ein Förderband mit der vorne abgebauten Kohle in die Ferne. Der geschaffene Hohlraum ist ungefähr 1,80 m hoch. Und unmittelbar hinter den Pressen, da kracht mit riesigem Getöse, mit Ächzen und Donnern der ganze Berg zusammen. Die Lücke schliesst sich. Jeder von uns kauert bei einem Bergmann unter der Presse, weil es dort am sichersten ist. Konzentriert, stoisch, dreckig drücken die Nachbarn nach oben.
Der Bergmann in der Mitte reduziert den Druck, der Berg kommt, er reduziert weiter, bis seine Presse frei wird und er sie ein Stück nach vorne schieben kann. Dann geht es wieder aufwärts. Er stemmt die Decke hoch, damit seine Nachbarn das Manöver wiederholen können. Anni und ich, mittendrin in diesem Inferno. Man erlebt alle Gefühle zwischen Schrecken und grenzenlosem Staunen. Eine Verständigung mit den Bergleuten ist ob des Lärms nicht möglich. So machen wir uns mit Winkezeichen auf den Weg nach draussen. Ganz einfach: „Legen Sie sich flach auf die Kohle des Förderbands. Halten Sie die Arme gestreckt, spannen Sie den Bauch an, wenn sie auf ein neues Förderband fallen. Wenn es hell wird, ruft Ihnen jemand zu, wann Sie rassig (zwischen 2 Streben) ab dem Förderband springen sollen, damit Sie nicht den Weg der Kohle auf die Halde gehen.“ Anni vor mir, so sind wir in flottem Tempo mit der Kohle durch endlose Stollen gerast und haben unbeschadet, aber mit Herzklopfen wieder die Erdoberfläche erreicht. Ich weiss nicht, ob es das Bergwerk und diese Art des Erlebnistourismus noch gibt. Wahrscheinlich nicht.
Viele Ferienerlebnisse kommen mir in den Sinn. Unsere 6 Wochen in Kenia, zum grossen Teil auf Kosten des Hauses, weil das zebrafarbene Flugzeug der Gesellschaft nicht ausreichte, um all die Urlauber zurück in ihre Heimat zu bringen. Wie wir im Indischen Ozean bei auflaufender Flut bis zum Bauch im Wasser ausharren mussten, bis uns die Fischer, die eine Bootspanne hatten, wieder retten konnten. Wie wir ganz allein mit einem kleinen Mietauto abends den Tsavo-Nationlpark lange nicht mehr verlassen konnten, weil uns immer Elefantenherden entgegenkamen und wir rückwärts in die falsche Richtung fliehen mussten. Wie wir von Aarau aus mit dem Privatauto Tunesien erkundigten. Unbeschreiblich die Abende mutterseelenallein in den zerfallenen Römerstädten der Wüste. Wie wir spontan einen vor der bretonischen Küste gestrandeten Öltanker und die entsprechende Ölpest besuchten.
Der Arbeitgeber von Anni war oft nicht sehr glücklich über unsere Spontaneität. Er liess sich wenig trösten, wenn ich ihm beschied, dass wir beide arbeiteten um zu leben und nicht lebten um zu arbeiten. In Sri Lanka geriet Anni unter eine grosse Meerwelle und bekam Respekt vor dem Meer. Argentinien und Venezuela waren weitere Stationen. Ungeniert badeten wir in Urwaldbächen, starteten und landeten in überladenen Flugzeugen während tropischer Regengüsse auf ländlichen Pisten. Donnerten in einer DC 3 im Tiefflug über breite Gewässer und Wasserfälle und gerieten in Caracas im Bus in Tränengasschwaden. Auf den Falklandinseln schliesslich durften wir dank meiner Bekanntheit allein auf unbewohnten Inseln bei den Pinguinen zelten.
Und dann kam der Krebs zurück. Anni hatte sich für diesen Fall schlau gemacht und wünschte, in eine Klinik in der Nähe von Karlsruhe (Bergzabern) eingeliefert zu werden, weil diese Heilung in Aussicht stellte. So brachte ich Anni in den mehrstöckigen Block in ein helles Zimmer mit Aussicht auf den Pfälzer Wald und liess sie dort. Am Wochenende nahmen wir uns ein Zimmer in einem Hotel und machten kleine Ausfahrten. Anni war zufrieden, weil sich hier jemand intensiv mit ihr beschäftigte, d. h. mit ihr sprach, ihr irgend von einer kühnen Methode vorgaukelte und sie im Glauben liess, dass Hoffnung bestehe.
Ich staunte ob der Unmengen von farbigen Tabletten, zirka 25 pro Mahlzeit, die Anni zu schlucken hatte. Ich erkundigte mich diskret nach der Rezeptur, erhielt aber keine Auskunft, so nach dem Motto: Geheimnis des Hauses. Dann erzählte mir Anni so beiläufig, dass Untersuchungen bei ihr jetzt auch Metastasen in der Leber, im Kopf und auf der Lunge ergeben hätten. Nach wie vor war sie überzeugt von einer Heilung in dieser Klinik. Bei mir läuteten alle Alarmglocken: Ich in Aarau und Anni allein und todkrank bei diesen Scharlatanen. Ich verlangte den zuständigen Arzt zu sprechen. Irgendein subalterner Herr eröffnete mir unverblühmt und bestimmt, dass es im Hause nicht üblich sei, die Therapie mit den Angehörigen zu besprechen. So etwas gefährde nur den Heilungserfolg. Ich weiss nicht, ob er Recht hatte, auf jeden Fall wollte ich das nicht. Ich verlangte den Chef. Der war natürlich nicht verfügbar. Man liess mich warten, bis ich drohte, zur Polizei zu gehen. Dann konnte ich Anni haben. Nach einem langen Gespräch haben wir beide weinend eingepackt und sind nach Aarau gefahren.
Auf einmal wusste Anni zeitweise nicht mehr, wo sie war. Sie fand sich in der Wohnung nicht mehr zurecht. Wir mussten ins Kantonsspital Aarau zur Bestrahlung: Ein absoluter Horror. Die Leute im grauen Gang. Warten, bestrahlen und Ärzte, die keine vernünftige Auskunft geben konnten. Irgendwann brachen wir die Übung ab.
In Aarau fanden wir einen sehr wohlwollenden und ehrlichen Arzt. Er riet zu einer neuerlichen Chemotherapie. Zur Vorbereitung wurde Anni in der AMI-Klinik (heute: Hirslanden) im Bereich des Schlüsselbeins ein Gummiballon mit einer Verbindung zu einer Herzvene eingepflanzt. Damit sollte die mühsame Suche nach einer Armvene für Infusionen vorbei sein. Leider hat das Ding nie richtig funktioniert. Zu Hause versuchten wir, ein normales Leben zu führen. Wir haben viele Ausflüge gemacht und genossen. Einzig beim Mittagessen hatten wir oft Differenzen. Anni hatte eine unersättliche Lust zum Essen. Ein Blick auf die Speisekarte genügte ihr: Ich nehme eine Portion von jedem Menu. An ein Buffet durften wir uns schon gar nicht mehr wagen: Anni füllte Teller um Teller. Wenn wir nach Hause kamen, konnte sie locker behaupten: Hier wohne ich nicht. Ich bleibe im Auto. Manchmal dauerte es Stunden, bis wir wieder in der Wohnung waren.
Glücklicherweise konnte ich Anni mit ihrem Einverständnis zu ihrer Mutter ins Elternhaus bringen und die Spitex organisieren. So konnte ich tagsüber arbeiten. Wenn etwas Dringendes aufgetaucht war, konnte man mich auf dem Handy erreichen. Nachts übernahm ich die „Nachtwache“ und brachte Anni bei Bedarf zum Arzt. Bis der Arzt eines Tages ganz bedrückt aus dem Behandlungszimmer trat und zu mir in den Warteraum kam: „Es hat keinen Wert mehr. Ich kann nicht mehr helfen. Es sind zu viele Organe betroffen. Ich breche die Therapie ab. Wir plagen Ihre Frau. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen helfen werde und dass Ihre Frau keine Schmerzen leiden muss.“ So nahm ich meine Frau und fuhr mit ihr zur Schwiegermutter. Die Gewissheit, dass Anni das Haus nicht mehr lebendig verlassen werde, machte mir zu schaffen. Anni spürte das Ende kommen. Oft jammerte sie leise vor sich hin: „Ich will nicht mehr, lasst mich endlich sterben.“
Anni klagte über Schmerzen, ohne dass sie sagen konnte, wo. Hustentropfen, auf die Zunge geträufelt, brachten ihr Linderung. Anni bekam Tabletten, und der Arzt meinte: „Gebt ihr so viel von den Tropfen wie sie will.“ Die Schwiegermutter litt sehr und wollte Annis Sterbenswunsch erfüllen. Tatsächlich erschienen eines Tages 2 in meinen Augen windige Gestalten von der Sterbehilfeorganisation Exit zu einer Besprechung. Annis Familie hatte sie bestellt. War ich wütend. Sie drucksten um den Brei, schwafelten vom Wunsch der Patientin und vom Willen der Familie.
Ich schrie sie an: „Brauchen Sie das Einverständnis des Ehemanns oder nicht!?“ Niemand wollte so richtig herausrücken. Ich drohte unverhohlen: „Wenn Sie meinem Anni etwas antun, dann vergesse ich mich.“ Ihre Gesichter vergesse ich nicht. Ich werde sie zu finden wissen. Dann auf einmal brauchte es die schriftliche Einwilligung des Ehemanns für den Auftragsmord an seiner Frau, worauf für Exit die Sache gestorben war. Nur die Schwiegermutter und Annis Familie waren sauer: „Du bist ein Tyrann. Mit Dir hätte ich es keinen Tag im Leben ausgehalten.“
Natürlich blieb ich ihr nichts schuldig: Anni und ich haben uns versprochen, uns bis zum Tode beizustehen. Das würde ich einhalten. Nachher werde ich sie von meiner Anwesenheit befreien. Erst heute sehe ich, wie Krankheiten und ungewohnte Situationen Angehörige überfordern und zu krankmachenden Reaktionen hinreissen können.
Bald danach ist Anni gestorben. Morgens um 2 Uhr gab ich ihr noch ihre Tropfen auf die Zunge. Anni war ruhig und schlief ein. Ich legte mich im Nebenzimmer aufs Sofa. Um 6 Uhr stand ich auf und öffnete langsam die Tür. Eine unglaubliche Ruhe herrschte in dem von den Lampen des Quartiers beleuchteten Raum. Ich musste gar nicht ans Bett treten: Anni war gegangen. Die Hände gefaltet, mit einem friedlichen Lächeln im Gesicht lag der Körper da. Ich schloss ihm das offene Auge, holte mir einen Stuhl und setzte mich ans Bett. Um halb 8 Uhr kam die Schwiegermutter. Sie sagte: „Guten Tag“, trat ins Zimmer, wollte die Vorhänge öffnen und stutzte: „Ist etwas?“ Ich staunte: Spürt sie die Stimmung nicht? Deshalb sagte ich: „Anni ist gegangen.“ Gegen halb 9 rief ich den Arzt an: „Es ist soweit. Ich bin froh, wenn sie bei Gelegenheit vorbeikommen, es eilt nicht mehr.“ – „Ich komme sofort“, erwiderte er.
Ich spaziere entlang der blühenden Forsythien und höre den sonntäglichen Kirchenglocken zu bis der Arzt kommt. Am Totenbett schaut er mich an und meint: „So zufrieden habe ich Ihre Frau noch nie gesehen.“ Das tröstet mich. Wir dürfen Anni am Sonntag im Hause behalten und die Formalitäten erst am Montag regeln. Ich fahre nach Hause und lege mich schlafen.
Morgen
Die Nachtwache weckt mich. Ich bin auf der rechten Seite ganz nass. Aus der Wunde quer über den Bauch tritt rötliches Wasser aus und hat den Verband durchnässt. Ich werde neu verbunden und mit einer trockenen Unterlage versehen. Kurz nach 7 Uhr stehen 2 Ärzte mit einen fahrbaren Ultraschallgerät an meinem Bett. Sie reissen den Verband weg, diskutieren und gehen wieder.
Die Pflegefachfrau muss neu verbinden. Gegen 9 Uhr werde ich gebeten, mich in der Abteilung Urologie für eine neue Ultraschalluntersuchung zu melden. Ich stehe auf und gehe zu Fuss mit meinem Christbaum durch die endlosen Gänge des Spitals. Der Assistenzarzt untersucht mich. Er muss auf einen weiteren Arzt warten, dem er dann erklärt: „Ich sehe einen Wasserschleier über der Niere.“ Sie verstellen die Einstellung der Apparate, machen ein paar Bilder und ich bin mit provisorischem Verband wieder in die Pflegeabteilung entlassen. Die Pflegefachfrau erneuert den Verband zum x-ten Mal. Die Wunde schliesst sich wieder.
(4) Unruhe und Flucht: 06.09. bis 09.09.2007
Der Donnerstag vergeht mit Warten und in Minne. Ich döse vor mich hin und lege mir einen nassen Lappen auf die Stirn. Ich habe immer etwas Temperatur, was die eifrigen Pflegefachfrauen gewissenhaft zu notieren pflegen. Man schaut mir gut. Ich darf auch wieder etwas Leichtes essen. Schonkost heisst die Diät und besteht zum Zmorgen aus einem Weggli, Butter, Konfitüre, Kaffee und einem Fruchtsaft. Bis auf die Hero-Confiture und den Fruchtsaft widerstrebt mir alles. Vom Weggli würge ich die Hälfte in den Magen. Später gibt es klare und dicke Suppen und Kartoffelstock. Die Pflegefachfrau bringt mir unter tags ein Aprikosenjoghurt. Das ist gut, das geniesse ich. Nachher darf ich aus dem Schonkostmenu (und für stillende Mütter) selber wählen: Haferbrei mit Zimt und Zucker (lecker), Griess mit Früchten, Risotto mit Kürbis schmecken mir ausgezeichnet – auch wenn der Kürbis nicht der beste ist.
Ich hatte ausgiebig Zeit, den Gesprächen der vielen Besucher zu lauschen. Die lange Besuchszeit wurde rege benutzt. Ich habe nicht gern Besuch. Ich weiss nicht, was ich mit den Leuten reden soll, denn sofort dreht sich doch alles um Krankheiten, Spital und Heilungsfortschritte, die weitgehend unbekannt sind. Meine Telefonnummer wird langsam bekannt – man kann sie im Spital erfragen. Ich drücke den Knopf „Will keine Anrufe“ und habe wieder Ruhe. Meine Bettnachbarn sind viel kommunikativer. Sie erzählen munter, lassen sich sogar beim Essen von Anrufen stören und geniessen die Besuche. Es wird gelacht, Geschenke werden übergeben und Süssigkeiten verteilt. Eifrig wird registriert, wer auch schon da gewesen ist, wer schon angerufen hat, wer noch anrufen wird und wer ganz sicher nicht. Wirklich alle haben persönliche Erfahrungen mit körperlichen Gebresten. Die jungen Leute z. B. lassen sich einfach die Weisheitszähne ziehen, dass sie sich schon mal ein wenig ans Leiden gewöhnen können. Alle sind eigentlich recht unbesorgt, weil man im Spital ja gut aufgehoben ist. Hier wird geschaut, hier ist man die Verantwortung los, und zu Hause arrangiert und erholt man sich, bis der Patient geheilt wieder entlassen wird. Ein Spitalaufenthalt ist für viele offenbar etwas ganz Normales, das zur Gesellschaft und zum gesellschaftlichen Leben gehört. Ich bin wieder der Exot. Für mich ist das Spital ein Ort, den es so rasch als möglich und aufrecht zu verlassen gilt.
Der Mann mit der Halskrause wird entlassen. Ich wünsche ihm alles Gute und rate ihm, einmal bei uns einen Baumschnittkurs zu besuchen. Ich habe den Eindruck, er begreift es nicht richtig: Er will nicht Bäume schneiden, sondern hilft nur aus Gefälligkeit den Dorfgreisen beim Pflücken. Tradition und Baumpflege sind aus dem ländlichen Alltagsleben verschwunden, geblieben ist die persönliche Haltung, dass man Früchte nicht hängen lässt. Die nachkommende Generation haut dann den Baum um, sobald die alten Leute nichts mehr zu sagen haben. Mein Bettnachbar wird hellhörig. Da ist doch jemand im Fricktal, der jeweils Apfelausstellungen macht. „Ja, das bin ich.“ – „Ah, ich dachte schon lange, das Gesicht kenne ich doch. Ich war auch schon bei Ihnen und habe einen Apfel aus dem Tessin zur Bestimmung gebracht. Ja, Sie haben mir den Namen gesagt, warten Sie.“ Er telefoniert sofort seinem Kollegen ins Tessin und siehe da: Er weiss sogar den Namen noch.
Dann kommt der Oberarzt. Im Beisein der Pflegefachfrau ist er mit dem Heilungsfortschritt zufrieden und bestimmt: „Wir unterbinden die Zufuhr von Schmerzmittel, wenn Sie es aushalten, nehmen wir morgen die Infusion, das Schläuchlein in Ihrem Rücken und den Katheter weg, und am Sonntag können Sie nach Hause.“ Endlich geht etwas. Unendlich froh halte ich mich schön still, stehe ab und zu auf, mache meine Wanderungen durch den öden Gang der Pflegeabteilung.
Die Nacht verläuft normal unruhig. Die Temperatur ist immer etwas über 37°C, und ich freue mich auf den Sonntag. Die Demontage der Schläuche zieht sich hin. Ich muss warten, bis ein Arzt der Anästhesie dafür Zeit hat. Es wird Nachmittag, und die Pflegefachfrau in Ausbildung erläutert mir: „Der Katheter bleibt drin. Katheter entfernen wir im Spital nur am Morgen. Sie können sich über Tag besser wieder an die eigenständige Funktion der Blase gewöhnen.“ Meine Argumente, dass jeder zusätzliche Kathetertag die Sache wahrscheinlich auch nicht fördert, verfangen nicht.
Dafür werde ich aufgefordert, mehr zu trinken. Dank des Katheters sammelt sich der Urin in einem Sack. Beim Leeren wird die Menge regelmässig gemessen und registriert. Da mein Bettnachbar, der inzwischen auch operiert wurde, ebenfalls trinken muss, animieren wir einander zu einem „Wettsaufen“ mit Wasser. Er trinkt, wie wenn nichts wäre, und ich tue mich schwer mit einer Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure. Das Wasser widerstrebt mir im Innersten. Es ist irgendwie so anders als das, was ich gewohnt bin. Trotzdem halte ich mit, so lange ich kann.
Der neue Nachbar
Gegen Abend bekommen wir einen neuen Bettnachbarn. Als Notfall eingeliefert, brauchte er anstelle des normalen Katheters einen Blasenkatheter. Er stöhnt und klagt über Schmerzen. Er telefoniert seiner Frau. Mit gequälter Stimme informiert er sie: „Ich bin im Zimmer … und habe hier eine Liste von Sachen, die mir fehlen. Ja, ich muss bleiben.“ Es dauert ungefähr eine Stunde, bis seine Gemahlin und sein Sohn mit einer grossen Tasche erscheinen. Und dann geht es los. „Wenn Du das nächste Mal telefonierst, kannst Du schon etwas höflicher sein. Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist?“ Ich glaube, meinen Ohren nicht trauen zu können und höre trotzdem weiterhin fasziniert zu: „Wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du diese Unterhosen nicht mehr anziehen sollst. Sie haben ja ein Loch. Zeig mal Deine Socken. Ja, ich habe mir das gedacht: Siehst Du eigentlich nicht, dass sie nicht die gleiche Farbe haben.“ Der Mann nimmt es gelassen. Er ist offensichtlich gewöhnt, Stürme einfach auszusitzen. Er beginnt mit seinem Sohn die Umgebung zu inspizieren. „Schau, hier ist ein kleiner Fernseher.“ – „Was, das ist ein Fernseher, zeig einmal!“ Schon drücken sie an Tasten herum und probieren. Als Contraria meint die Frau: „Das ist doch kein Fernseher. Ah, zeig, ich will auch schauen. Ja, schön hast Du es hier. Ich möchte auch so liegen können, ich hätte es auch verdient. Und diese Aussicht. Schau einmal!“ Der Mann erklärt ihr, dass man bis in den Jura sehe, wo er früher gewohnt habe. Das interessiert sie nicht, sondern vielmehr bemerkt sie: „Das wird auch wieder teuer werden. Trotzdem sei froh, dass Du nicht in Afrika bist.“
Der Mann erzählt, dass die Ärzte auf seiner Bauchhaut keinen Antibiotikatest machen konnten. Das ist wieder ein Stichwort: „Ich sage Dir schon lange, Du sollst endlich aufhören, deinen Bauch mit Schweinefett einzureiben. Jetzt siehst Du, was passiert. Und überhaupt, sei froh, dass Du nicht Krebs hast.“ Wirklich interessant das Gespräch. Irgendwie so wie Emil (Steinberger, ein Schweizer Kabarettist) hoch drei. Einzig, dass das Leben noch fantasievoller ist als ein Kleintheater. Später fragt die Dame mit gedämpfter Stimme noch nach den andern schweigenden Patienten im Zimmer. Der Herr vis-à-vis kann am Sonntag nach Hause. Prompt und bestimmt kommt die Behauptung: „Am Sonntag wird niemand aus dem Spital entlassen. Und wenn Du nach Hause kannst? Brauchst Du dann die Spitex? Was glaubst Du, wie die Nachbarin Augen machen wird. Sage ihr auf jeden Fall nichts.“ Dem Mann verleidet es langsam: „Ihr müsst nicht warten, bis die Besuchszeit zu Ende ist.“ Oha lätz: „Wir bleiben, bis es 20 Uhr ist.“ Päng. Nachdem sie noch etwas gejammert hat, was sie morgen alles zu putzen, einzukaufen, Gassi gehen, Garten und weiss ich was zu tun habe, fragte sie ganz schmeichlerisch: „Soll ich morgen auch kommen?“ – „Das überlass ich Dir“, meint der Mann diplomatisch. Gerne hätte sie gehört, wie willkommen sie sei. Es wird 20 Uhr, und der Spuk ist zu Ende.
Ich bin schon gespannt auf den morgigen Besuch. Es wird ganz anders. Die Frau ist zufriedener, hat ihre Arbeiten erledigt und ist ganz vernünftig. Überforderte Verwandte können ganz schön nerven und müssen auch noch ausgehalten werden. Für viele ist es vielleicht tatsächlich ruhiger im Spital als zu Hause.
„Sie haben einen schönen Dialekt. Sie sind sicher aus der Gegend von Vordemwald“, frage ich den um seinen Besuch erleichterten Mann vom Land. „Nein, es ist eine andere Gemeinde an der Luzerner Grenz ganz oben im Suhrental.“ Wir schweigen alle. Und dann kommt die intensivste Nacht im Spital.
Die Intensiv-Nacht
Mir wird langsam schlecht. Aus dem Magen stösst es mir sauer auf. Die Pflegefachfrau in Ausbildung bringt mir einen weissen Sirup und später eine Tablette. Gegen 22 Uhr misst sie die Fieber: 38,7°C. Wortlos verschwindet sie im Gang und kommt mit ihrem Servicewagen wieder: „Ich muss Ihnen Blut abnehmen.“ – „Wieso denn das?“ – „Ärztliche Anordnung“, behauptet sie. Ich will den Arzt sehen. „In einer halben Stunde kommt eine Ärztin und nimmt Ihnen nochmals Blut.“ Was soll ich machen? Sie macht ja nur ihren Dienst, darf sich nichts zuschulden kommen lassen und hat bald Feierabend. Also halte ich halt einmal mehr meinen Arm hin. Sie bedankt sich, wünscht eine gute Nacht und geht.
Ich beginne zu schwitzen. Mir wird wieder schlecht. Tatsächlich kommt nach kurzer Zeit die Nachtwache. Den Servicewagen bringt sie gleich mit. Eigentlich erwartete ich einen Arzt. „Ich bin Ärztin, ich mache heute nur hier Nachtwache.“ – „Dann ist gut, dann können Sie mir sicher erklären, was das Ganze soll.“ – „Wenn Sie 38,5° C Fieber haben, müssen wir Ihnen nach den Weisungen des Spitals Blut für Blutkulturen abnehmen.“ Ich verstehe die Welt nicht mehr und sage es ihr auch: Der Körper erhöht die Temperatur, weil er etwas heilen will. „Wenn Ihnen das Fieber zu hoch ist, dann bringen sie doch etwas Essig und netzen sie mir damit die weissen Socken. Und überhaupt: Blutkulturen: Was können Sie damit eigentlich herausfinden?“ – „Woher das Fieber kommt“, behauptet sie. „Das glauben Sie ja selber nicht.“ Seit wenigen Stunden habe ich etwas höhere Temperatur, und sie wollen herausfinden, warum. Da kann man sicher bis morgen warten. „Wie lange dauert es, bis Sie die Ergebnisse haben?“ – „3 Tage“, sagt sie, worauf ich ihr versichere, dass ich dann nicht mehr hier sein werde. Es ist ihr sichtlich unwohl. Sie will nicht diskutieren. Zweifellos hat sie auch ein minutengenaues Programm zu erledigen. Essig hat sie natürlich keinen, dafür nimmt sie halt nochmals Blut (weil sonst die erste Entnahme für die Katze gewesen wäre), gibt mir noch einen so grauslichen Sirup („der beruhigt die Magennerven“) und zieht von dannen.
Ich bin deprimiert. Rot leuchtet das Licht der Stadt ins Zimmer im 8. Stock. Man hört immer noch einzelne Krähen, die offenbar auch nicht schlafen wollen, krächzen. Mir wird wieder schlecht. Ich suche mir ein Becken. Dann rapple ich mich auf: Ich erbreche nicht ins Bett. Jetzt stehe ich auf, gehe in den Gang und erbreche dort. Weil ich immer noch den blöden Katheter habe, nehme ich den Christbaum in die eine und das Becken in die andere Hand und beginne im schummrig beleuchteten Gang zu wandern. Auf einmal kann ich rülpsen, ich bekomme Wind am andern Ende des Darms. Die ganze Anspannung des Bauchs, herrührend von Überfütterung mit Infusionen und dem Wettsaufen mit Blöterliwasser entlädt sich in natürlicher Weise. Sofort wird mir besser. Die Ärztin schüttelt den Kopf, als sie mich sieht. Ich versuche ihr meinen Zustand zu erklären. Ungläubig schaut sie mich an, ich glaube ihr Murmeln „ich würde auch vieles anders machen“ gehört zu haben, dann eilt sie weiter. 2 Nachtwachen sind im Gang unterwegs. Mit langen Listen eilen sie pausenlos von Zimmer zu Zimmer. Das Spital ist ruhig. Irgendwo ist ein Notfall. Ein weiss gewandeter Arzt, vom Licht rötlich-bleich angehaucht, eilt routinemässig herbei. Eine Patientin wird im Bett liegend, zum Röntgen, weggeführt. Offenbar sind alle Stationen in diesem riesigen Termitenhaufen besetzt. Ich staune, dass jemand überhaupt so arbeiten kann.
Ich habe Durst und Lust nach einer Frucht. Das Wasser des Spitals, mit oder ohne Blöterli, widert mich richtig an. Die Seele lechzt nach Wasser. Ich sehe irgendwo einen Brunnen oder eine Quelle vor mir. Frisches Wasser. Wenn es all den Leuten, die mit Infusionen bewässert werden, so geht, denke ich, dann gute Nacht. All den Leuten auf den Pflegeabteilungen, die nie mehr selber Wasser suchen können. Haben die vielen Krähen, denen sich das Kantonsspital seit Jahren nicht erwehren kann, deshalb den Spitalpark als Ruhe- und Versammlungsplatz ausgesucht? Aus einem weiten Umkreis sieht man sie abends einzeln und in Trupps Richtung Aarau fliegen. Aarau hätte auch andere Parks, den Kantipark (Kantonsschulpark), den Casinopark, den Park beim Grossratsgebäude und den Friedhof. Aber nein, beim Spital wollen sie sein.
Ich kann das Spital nicht verlassen und trinke deshalb Hahnenwasser. Ich nehme mir von der Bar einen Apfel und schabe ihn mit den Zähnen, wie eine Maus, Stück um Stück ab. Der Saft rutscht langsam durch den Magen und in den Darm. Ich hätte Lust auf ganz wenig Bier, nur so einen kleinen Schluck. Ich frage die Ärztin und erkläre ihr warum: „Wissen Sie, mein Körper beginnt zu arbeiten. Nur der Leber fehlt so ein bisschen der Start.“ Natürlich hat sie ebenso wenig Bier wie sie Essig hatte. Wo soll ich in einer solchen Umgebung die Animation für das Funktionieren des Körpers hernehmen?
Damals, im Militär
Ich lege mich sorgfältig ins Bett, decke mich notdürftig zu und lege die Kopfhörer an. DRS 1, Nachtexpress, fast ganz am Ende. Dann höre ich auf einmal den Zofinger Marsch. Ich werde richtig glücklich und lausche andächtig. 3 Jahre meines Lebens war ich im Militär. Davon tat ich eine lange Zeit als Offizier im traditionsreichen Zofinger Stadtbataillon (Füs Bat 55) Dienst. In jedem Wiederholungskurs wurden die Offiziere vom Stadtrat Zofingen zu einem Anlass mit Apéro eingeladen. Das liess sich der damalige Stadtpräsident, Nationalrat und anschliessend Ständerat Willy Loretan nicht nehmen. Das Volk nannte ihn liebevoll den „Zick-Zack-Willi“, weil man bei seiner freisinnigen Politik nie genau wusste, ob er gerade im Zick oder im Zack war. Reden und Gegenreden wurden gehalten, Zofingen und der Aargau wurden gelobt und gebührend begossen. Für uns jüngere Offiziere ging es darum, dass jeder eine verschlossene Flasche Wein mitlaufen liess, ohne negativ aufzufallen. Den meisten ist es immer wieder gelungen, so den Festakt in kleinerem Rahmen zu verlängern. Unvergesslich ist das Jubliäum des Füs Bat 55 in Zofingen. Wir haben Nummern unseres Könnens (z. B. schön marschieren) eingeübt, Festzelte aufgestellt, eine grosse Küchen- und Partymannschaft organisiert, und dann ging es los: All die Regierungsräte, Stadträte, Gemeinderäte, frühere Offiziere und Soldaten trafen sich zu einem grossen Tag der offenen Tür. Ein grosses Bankett begann. Apéro, Vorspeise und dann Kartoffelsalat mit Schüblig und Freibier. Wir, die jüngeren Offiziere, nahmen soweit möglich Abstand von den Tischen der wichtigeren Leute. Wir bevorzugten Bier und die Nähe zu den Soldaten. Als wir am schönsten am Essen und Trinken waren, wurde es dem ersten der eingeladenen Gäste schlecht. Erbrechen und Durchfall erfordert den Einsatz der Ambulanz und unserer Sanitätssoldaten. Und dann kippten die Leute reihenweise. Es hatte zu wenig Toiletten und Sanitätssoldaten. Ein richtiges Chaos mit grosser Aufregung (Lebensmittelvergiftung) brach aus. An uns, die wir mehr dem Bier und den Würsten als dem Kartoffelsalat zugesprochen haben, war die Epidemie spurlos vorbeigegangen. Wir waren nicht wenig stolz, feierten weiter und hielten wenigstens die Ordnung aufrecht.
Ich kam gut aus mit meinen Soldaten, auch wenn ich sie manchmal wütend machen musste. Zufriedene Krieger sind schlechte Krieger. Ich bestand alle offenen und versteckten Eintrittstests im Saufen und in der Robustheit. Die Soldaten achteten meine Ehrlichkeit, dass ich sie in Ruhe liess, wenn ich zufrieden war, und dass ich ihnen gegen oben die Stange hielt. Wir glaubten, wie alle andern auch, etwas Besonderes zu sein: Schwere Füsilierkompanie, ausgerüstet mit dem 8,1-cm-Minenwerfer aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts und unverzichtbarer Teil der Infanterie, der Königin des Schlachtfeldes. Damals zählte die Infanterie in der Armee noch etwas. Wir lernten tragen und schlagen. Ich habe viel erfahren im Militär, über Landschaften, über Land und Leute, über den Umgang mit Leuten, das analytische Denken und die Brillanz vieler Vorgesetzter. Natürlich war die Zeit lang, und es gab auch beschwerlichere Momente.
In der Ausbildung suchten wir möglichst nahe an das so genannte Kriegsgenügen heranzukommen. Für den Einsatz des Minenwerfers, mit dem der Vietcong viele Überfälle auf die Franzosen und die Amerikaner unterstützte, gibt es zeitlich Normen. Für mich war klar: Die unterbieten wir. Gruppenweise übten wir, bis es den Soldaten verleidete. Unbeeindruckt sagte ich: „Wir üben, bis Ihr erfüllt.“ Dann brach es aus den Soldaten heraus: „Das braucht ja für das Loch für die Grundplatte schon so lange, und nachher reicht uns die Zeit nicht mehr.“ – „Warum macht dann nicht jemand ein Loch, der das kann? Hier liegt doch noch ein Bauer, dort ein Bauarbeiter.“ Ja, das ist nicht ihre Charge. Der Bürolist als Geschützchef muss das Loch machen. Ich sage, so ein Blödsinn interessiert mich doch nicht. Organisiert euch, in einer halben Stunde geht es weiter. Der Pickel des Lochenden schwang wie ein Propeller durch die Luft. Weg da! Erde und Steine wirbeln durch die Luft. Was sich der brachialen Gewalt in den Weg stellt, wird weggeputzt. Kaum waren die Muskeln des stämmigen Kanoniers leicht angewärmt, steckte die Grundplatte unverrückbar im Boden. Auch die Schmiede, Mechaniker und Schwinger waren nicht untätig. Schon in Deckung wurde der Minenwerfer zusammengebaut, von einem kräftigen Kerl im Spurt nach vorne getragen. Ein Ruck, ein Zug, ein Schlag, und die Sache stand. Jetzt hatten sie es begriffen. Wir übten und wendeten jeden denkbaren Trick an, unterboten die Limiten regelmässig, blufften die Schiedsrichter und Vorgesetzten, die nichts von unserem Geschäft verstanden – und machten tagelang Pause unter unseren Tarnnetzen. Dafür hielten wir es abends im Ausgang länger aus. Es ist enorm, was für Fähigkeiten in einer Gruppe von Leuten und vor allem im einfachen Volk vorhanden sind, wenn sie nicht durch irgendwelche Konventionen und blöden Sprüche blockiert werden.
Es war in Engelberg, wo wir die schöne Bergwelt mit unseren Granaten beharkten, als mich der Divisionär zu sich winkte: „Kennen Sie das Minenwerferreglement“, fragte er mit so einem Unheil verheissenden Blick in den Augen. Im Militär gibt es für alles und jedes so kleine, graue Reglemente, die sich gut für Prüfungen und Lektionen eignen. Natürlich antwortete ich mit „Ja“. Diesmal bestimmter, sagte er: „Herr Hauptmann, Ihre Leute arbeiten nicht nach dem Reglement.“ Mir blieb die Spucke weg. Ich erwiderte, dass im Reglement sehr viele Tricks nicht erwähnt seien. Diese Bemerkung überging er: „Sie haben sich an das Reglement zu halten.“ Ich wurde wütend: „Herr Divisionär. Wir üben hier das Kriegsgenügen. Schauen Sie, wie sich meine Leute einsetzen. Und, was glauben Sie eigentlich: Wer von uns beiden kann mit dieser vorsintflutlichen Waffe besser umgehen, Sie oder ich? Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Suchen Sie sich in ihrem Einflussbereich den besten Minenwerferzug aus und lassen Sie ihn gegen meine Leute antreten. Ihre Leute arbeiten nach Reglement, meine wenden jeden denkbaren Trick unter strikter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften an. Das Ergebnis kann ich Ihnen heute schon sagen.“ Auch er wurde wütend, und trotzdem wollte er kein Duell. Er wusste ja, dass ich Recht habe. Meine Leute erwarteten mich. Die Soldaten haben ein feines Sensorium, wenn sie Vorgesetzte in der Ferne beobachten: Was war wieder falsch? „Burschen, Ihr arbeitet nicht nach Reglement.“ Sie schüttelten die Köpfe. Wir machten für den Rest des Tages befohlene Ruhe. Ein paar riefen pro forma irgendwelche Kommandos und ab und zu schossen wir eine Granate in die Felsen hoch. Nachher gingen wir nach Hause.
Kurze Zeit später trotteten wir nach einem anstrengenden Tag, müde, verschwitzt und dreckig von der Alp. Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten hatten sich alle in die Einerkolonne eingereiht und halfen mit, all die Waffen (schwere Füsiliere), das Material, die Munitionsreste und den ganzen Plunder ins Tal zu tragen. „Achtung Divdiv!“, ging die Warnung von Mann zu Mann. Ich verliess die Kolonne und meldete mich bei ihm. Er liess die Kolonne an sich vorbeiziehen, musterte die Soldaten, die ihm mehr oder weniger begeistert ins Gesicht schauten. Als alle vorbei waren, sagte er: „Ich kann bei Ihren Leuten die Unteroffiziere nicht erkennen. Sie wissen, es gibt Tenu-Vorschriften und die sind einzuhalten. Ich sehe mich gezwungen, Ihre Vorgesetzten zu orientieren.“ Dass man meine Unteroffiziere im Feld an ihrem Verhalten kenne, dass die blöden gelben Winkel auf einem billigen Plastikstreifen regelmässig abreissen, wenn die Leute Lasten tragen und Lasten wechseln, wischte er weg. „Halte die Ordnung, und die Ordnung wird dich halten“, war sein Motto. Nach allem, was ich über den Krieg gelesen hatte, müsste es eher heissen: „Das Genie beherrscht das Chaos.“ Beim Abendessen schaute mich der Herr Oberst zwischen 2 Löffeln Suppe über den Tisch hin an: „Hast wieder einmal hohen Besuch gehabt“, bemerkte er so, dass es alle hörten. Ich sage: „Ja.“ – „Weisst Du, er hat mir angedroht, dass er mich bei Dir verpfeifen werde.“ Für mich war das nicht so schlimm: Im Militär kontrolliert jeder das, was er kann. Damit war die Sache erledigt.
Nichts wie weg!
Ich erwache und weiss nicht mehr, wo ich bin. Stramm gezogen verliert sich meine Bettdecke mit seitlichen Bügelfalten weit in der Ferne. Alles ist so hell. Ganz hinten sind weitere Betten, und der Blick reicht weit in die Ferne des Abendhimmels. Ich bin im Spital, aber wer hat mich so zugedeckt, ohne dass ich es gemerkt habe? Ich kann mich unter den Laken kaum bewegen, und ich bin bachnass: Die Bettdecke, die Leintücher und die Matratze sind zum Auswinden. Am Besten ist es, wenn ich mich nicht bewege. Die Nachtwache kommt wieder. „Haben Sie mich so eingepackt?“ Sie verneint. Sie staunt, dass die Fieber auf 37,3° C gesunken sind, wünscht mir alles Gute und ist sichtlich froh, dass sie Feierabend hat.
Den Morgen erwarte ich froh. Die Pflegefachfrau in Ausbildung wechselt mir das ganze Bett und misst die Fieber. 37,3°C. Sie schickt einen verstohlenen Blick zu ihrer Kollegin, die nicht in Ausbildung ist. Diese schüttelt kaum sichtbar den Kopf, worauf mir bestimmt eröffnet wird: „Den Katheter entfernen wir nur, wenn die Temperatur unter 37° liegt.“ Punkt. Dass mein Bettnachbar mit einer Temperatur von 34,5°C aufwartet, macht mir die Sache auch nicht einfacher. Ich werde grantig: „Ich hatte die ganze Woche noch nie eine Temperatur von 36°. Schauen Sie doch nach. Gestern hatte ich auch 37,3, und dann war Ihre Ausrede: Am Abend ziehen wir keine Katheter.“ Dafür will mir die Pflegefachfrau wieder Blut abzapfen. Ich sage: „Nein, es gibt kein Blut mehr.“ Die beiden Pflegerinnen versorgen alle Patienten, lassen mich liegen und verschwinden. Ich lasse nicht locker. Ich läute wieder. Nach einer Stunde lassen sie sich erweichen, nochmals die Fieber zu messen: 37,8°C. „Sehen Sie, Sie müssen mich noch mehr aufregen und krank machen. Warten Sie nur noch zu, dann erreichen wir noch den Alarmwert, und das Theater beginnt von vorne. Wenn Sie mir jetzt den Katheter nicht entfernen, stehe ich auf und suche mir in der Stadt einen Arzt, der das macht.“ Irgendwie spüren sie, dass es mir ernst ist, tauschen einen Verschwörerblick und entfernen mir in 2 Minuten den Katheter. Endlich.
Es dauert nicht lange, da kommt die Arztvisite. Diesmal ist es eine Frau Doktor aus dem grossen Kanton. Ich empfinde es ein wenig schnippisch, wie sie sagt: „Herr Keller, sie verweigern medizinische Anordnungen.“ – „Was mache ich?“ – „Sie verweigern die Blutentnahme.“ – „Ja Frau Doktor, das mache ich. Aber bevor Sie mir Vorwürfe machen, bitte ich Sie, wieder einmal den Prospekt des Kantonsspitals zu lesen. So sinngemäss habe ich in Erinnerung, dass die Krankheit ganzheitlich angegangen, dass der Patient ernst genommen und dass die Therapie mit dem Patienten besprochen werde. Gerade von letzterem spüre ich herzlich wenig. Ich will raus hier und verlasse morgens um 10 Uhr das Spital.“ Sie runzelt die Stirn: „Sie haben doch noch eine weitere Operation vor sich. Sie können doch nicht nach Hause.“ – „Frau Doktor, das habe ich gestern alles mit ihrem Kollegen besprochen und abgemacht.“ – „Das muss man einem halt sagen,“ meint sie. „Aber bitte, es kann doch nicht an mir sein, dass ich jedem Arzt im Spital erklären muss, was ich gestern vereinbart habe. Ich glaube Ihrem Kollegen, bitte schauen Sie nach, er hat sicher etwas notiert.“ Blasiert rauscht sie von dannen.
Meine Bettnachbarn lauschen interessiert. Auch sie beginnen zu diskutieren, ob sie morgen Sonntag wohl auch nach Hause können. Ihre Temperatur- und Blutwerte würden das eigentlich erlauben. Die Pflegefachfrau in Ausbildung wirkt sehr niedergeschlagen. Ich frage sie: „Was ist los? Haben Sie Sorgen wegen mir?“ Ungern gibt sie Antwort: „Die Ärztin verlangt von mir, dass ich dem Oberarzt von gestern nach Hause telefoniere und von ihm verlange, dass er Ihre Austrittspapiere vorbereite.“ Ich tröste sie: „Nehmen Sie es locker. Telefonieren Sie der Ärztin, sagen Sie ihr, Sie möge so gut sein und mir die Telefonnummer Ihres Chefs mitzuteilen. Sonst müssen Sie gar nichts machen. Ich vertraue dem Arzt. Er hat das gesagt. Er wird die Sache bis morgen vorbereiten. Weil ich ihm vertraue und unsere Abmachung nicht brechen will, bleibe ich noch bis morgen.“
Nur das Wort des Arzts hält mich noch im Spital. Gesundheitlich wäre ich sehr wohl in der Lage gewesen, nach Hause zu gehen. Mit meiner Frau spazierte ich im Spitalpark und wartete auf den Sonntag. Oh, wie war ich naiv!
Die Nacht verlief wiederum spannend. Wegen der Nachtwache, einer besorgten, mütterlichen Frau, wachte ich nach Mitternacht auf. Ich war wiederum perfekt eingepackt und hatte trocken heiss, als wäre ich eine Pizza in einem Ofen. Jetzt weiss ich, wer mich jeweils so einpackt. „Wie machen Sie das, ohne dass ich erwache?“ Sie will keine Antwort geben, sondern die Fieber messen. 38,6° C. Sie schüttelt den Kopf, aber ist wenigstens so vernünftig, dass sie nicht das ganze Prozedere mit den Blutentnahmen loslässt. Ich nehme an, die Sache sei nicht so schlimm, stehe auf und beginne wie in der vorangegangenen Nacht meine Wanderung im nächtlich beleuchteten Gang der Pflegeabteilung. Ich suche einen Apfel. Das letzte vorrätige Exemplar ist vor Unreife grasig und durch lange Lagerung „mültsch“, ungeniessbar. Ich probiere eine Orange. Diese ist so sauer, dass sie eher an eine unreife Grapefruit erinnert. So esse ich halt eine Banane, obwohl ich etwas Saftigeres bevorzugt hätte. Ich lege mich wieder ins Bett, beginne zu schwitzen und schlafe prächtig ein. Kurz vor Ende der Nachtwache kommt die Pflegefachfrau wieder. Ich fühle mich gut und behaupte keck, keine Fieber mehr zu haben. Der Fiebermesser zeigt aber nach wie vor über 38° C. Die Nachtwache schaut mir tief in die Augen und sagt mit echter Besorgnis: „Herr Keller, so dürfen Sie nicht nach Hause. Sie sind krank. Bleiben Sie hier.“ Ich danke ihr für ihre Ratschläge und wünsche einen schönen Feierabend.
Am Sonntag passiert gar nichts. Routinemässig werden die Pflegearbeiten erledigt, die Patienten gefüttert, und dann verschwindet das Pflegepersonal. Man meidet mich und das Zimmer. Ich stehe auf, packe meine Sachen und warte. Um 9.30 Uhr frage ich nach den Unterlagen. Nein, man wisse noch nichts. Ich gehe in den Gang, damit mich alle sehen. Allen, die es hören wollen, sage ich: „Um 10 Uhr gehe ich.“ Meine Frau kommt. Wir gehen zur Pflegeabteilung, um uns zu verabschieden (und ein bisschen Verbandsmaterial wäre uns noch dienlich gewesen). Eine Aufregung: „Herr Keller, bitte warten Sie noch eine halbe Stunde, dann kommt die Ärztin noch einmal vorbei, sie will mit Ihnen reden.“ Ich werde richtig wütend. „Fertig“, sage ich, „ich gehe.“ – „Bitte, es fehlen noch Formulare.“ Das ist mir gleichgültig. Meine Frau ist verunsichert und wirkt mässigend: Wollen wir nicht noch warten?
Eine erfahrenere Person – die Oberschwester – erscheint. Sie hat Formulare. Sie spürt den Ernst der Lage. Im Aufenthaltsraum unterschreibe ich, dass ich das Spital nicht belangen werde für Folgen, die aus meiner Handlung entstünden. Das Formular darf an sich nur im Beisein eines Arztes unterzeichnet werden. Sie bestätigt, dass es im Spital oft an der Kommunikation mangle. Ein Austrittsbericht fehlt, was mir jeden weiteren Glauben an die Worte eines Oberarzts nimmt. An Verbandsmaterial bekommen wir eine ganz schäbige Menge von Pflastern. Es ist 10 nach 10, und ich will nur eines: Weg. Da rauscht durch die ganze Länge des Ganges der weisse Kittel der Frau Doktor. Respekt heischend drängt sie in die Abschiedsrunde: „Sie wollen uns verlassen?“ fragt sie scheinheilig. Ich habe eine Wut im Bauch. Sofort sagt die Oberschwester: „Frau Doktor, es ist alles erledigt.“ Erstaunt ob so viel Bevormundung setzt sie zu einem Referat an: „Sie sind krank, Sie brauchen weitere Untersuchungen …“ Meine Frau unterbricht sie rasch: „Die Dame hat uns alles erklärt. Sie hat Ihnen gesagt, es sei erledigt.“ Wir geben allen die Hand und verschwinden im Lift.
Daheim
Wie schön und wohltuend ist es zu Hause! Diese Landschaft, diese Düfte, diese Geräusche und die nächtliche Ruhe und Dunkelheit. Leider sollte ich dieses Glück nicht allzu lange geniessen können.
Am Montag setzte ich folgendes Mail ab: „Die Operation vor einer Woche und die anschliessende Heilung verliefen absolut perfekt. Für mich begannen die Schwierigkeiten im Spital, als die Pflegestation das Diktat übernahm. Schematismus, geschönte Statistiken und kommerzielle Überlegung bestimmen das Schicksal der Patienten. Wohl, Wille und Möglichkeiten der Patienten spielen überhaupt keine Rolle. Seit Freitag bekam ich eine richtige Wut im operierten Bauch. Am Sonntagmorgen, kurz bevor mein Körper seine Betriebstemperatur endgültig erhöhte, habe ich aufrecht und entgegen medizinischen Anordnungen den Mief des Spitals verlassen. Zurückgeblieben ist eine deutsche Oberärztin mit hängendem Unterkiefer.“
Am Abend besuchte mich mein Bruder (Hausarzt). Er untersuchte mich und versorgte mich mit einer Reihe von Tabletten, darunter Antibiotika. Am nächsten Morgen verbreitete ich per Mail: „Seit gestern atme ich wieder frische Luft. Ins Getümmel der Mikrobenschwärme haben wir unsere ersten Legionäre in Form von nussgrossen Tabletten geworfen. Der Sieg ist unser, weil die Chemie über unbeschränkte Reserven an Mitteln verfügt. In welchem Zustand sich nachher das Schlachtfeld präsentiert, werden wir sehen.“
Das Leiden, das ich eigentlich behandelt haben wollte (Wasserbruch), hat sich eher verschlechtert. Eine weitere (kleinere) Operation steht im November 2007 an.
Meine Auftritte in der Öffentlichkeit werde ich so lange reduzieren.
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