Ist das Gesundheitswesen krank? (4)
Das Gesundheitswesen ist Sache der Kantone. Der Kanton besitzt, betreibt, organisiert und zertifiziert die Kantonsspitäler. Erlebnisse lassen Zweifel daran aufkommen, dass der Wille und das ganzheitliche Wohl der Patienten eine hohe Alltagspriorität haben.
Kapitel 7 und 8
(7) Die Bescherung: 18.09. bis 19.09.2007
Am Morgen ist die Bescherung da: Mein Pyjama und das Bett sind auf meiner rechten Seite, auf der Seite der 30 cm langen Bauchwunde, ganz nass und verschmiert. „Was hast Du denn da?“ fragt meine Frau beim Aufwachen mit weit geöffneten Augen: Die Bauchwunde, die bisher wunderbar trocken war, hat sich auf einer Länge von 20 cm geöffnet. Gelber Schleim tritt aus der Wunde aus. Endlich sieht es aus wie in einem Spital, denke ich sichtlich erleichtert: Eiterriemen haben wir doch früher die Cremeschnitten genannt. Der Körper entledigt sich auf seine Weise der Stoffe, die er nicht mehr braucht. Er hat einen Weg gefunden, wie er den Eiter loswerden kann.
Eigentlich bin ich froh darüber. Ich habe keine Schmerzen und keine Schüttelfröste, also kann es ja auch nicht gefährlich sein. Meine Frau sieht das ähnlich und verfolgt die Entwicklung mit Interesse. Sie reinigt die Wunde und macht einen neuen Verband.
Am Nachmittag bin ich für eine kleine Blutuntersuchung zu meinem Hausarzt bestellt. Für die kleine Analyse braucht er immer nur einen Tropfen Blut, nicht röhrchenweise wie das Spital. Natürlich will er auch die Wunde sehen und reisst den Verband ab. Die Arztgehilfin hat so etwas noch nie gesehen: „Woher haben Sie denn das?“ – „Kantonsspital Aarau“, sage ich, was ihr ein „Uuiiuiiuiiu“ entlockt.
Das Verbinden in der Praxis erweist sich als schwierig. Hausarztpraxen sind heute offensichtlich nicht mehr für so aussergewöhnliche Fälle ausgerüstet. Gegenüber dem modernen Verbandsmaterial in den Spitälern kommen mir die Pflaster wie ehemaliges Armeematerial vor: Kaum mehr abreissbar, dafür viele Gummireste auf der malträtierten Haut.
Gut ausgerüstet mit Rezepten für Verbandsmaterial werden wir wieder nach Hause entlassen. Ich sage meinem Bruder, dem Hausarzt, noch: „Ich rücke heute aus meinem Urlaub nicht wieder ein ins Spital. Ich bleibe zu Hause und werde der Administration des Kantonsspitals Aarau ein entsprechendes Mail schicken. Ich habe schlicht keine Lust auf die Rituale des Spitals und fühle mich zu Hause wohl aufgehoben. Auch den Ärzten und den Abmachungen gegenüber fühle ich überhaupt keine Verpflichtungen mehr. Zu oft wurde ich angelogen.“ Mein Bruder murmelt, er werde mit den Ärzten im Spital reden.
Am Abend beim Mailen am Computer stelle ich auf einmal fest, wie ein 2 cm breites gelbes Bächlein über meine Trainerhose, der Schwerkraft folgend, Richtung Boden rinnt. Alles fliesst, denke ich, suche ein Tuch und begebe mich ins Badzimmer. Obwohl nichts weh tut, macht mailen so keinen Spass. Meine Frau ist stark beschäftigt mit Reinigen, Verbinden, Verband wechseln, Entsorgen. Sie hat den Dreh raus und sagt: „Das mache ich eigentlich ganz gerne. Man sieht, dass etwas passiert.“ Ich dämmere vor mich hin. Und dann, gegen halb 10 Uhr, läutet das Telefon Sturm. Es hört einfach nicht mehr auf. Normalerweise nehmen wir um diese Zeit keine Telefone mehr entgegen.
Meine Frau geht ran. Es ist mein Bruder. Aufgelöst. Meine Frau sagt ganz leise: „Du kannst selber mit ihm reden“ – und bringt mir das Telefon: „Weisst Du“, beginnt er, „was Du da machst, ist brandgefährlich.“ – „Ich weiss“, erwidere ich, „das habe ich mit dem Herrn Professor schon besprochen: Seit ich im Spital war, wird es immer gefährlicher. Und es sind immer die Ärzte, die von Gefahren reden. Ich habe weder Schüttelfrost noch Schmerzen, noch hoch Fieber, und der Eiter rinnt.“ – „Ja, das ist es ja gerade. Der Eiter kann irgendwo eine Blutbahn treffen, dann hast Du eine Blutvergiftung. Es kann das und das passieren, dann bekommst Du einen Kollaps.“ – „Ach, tu doch nicht so. Das Risiko ist immer bei mir. Ich fühle mich nicht unwohl, und wenn etwas ist, bringt mich meine Frau ins Kantonsspital Aarau.“
Mein Bruder ist wirklich besorgt. Er hat offensichtlich herumtelefoniert und bei allen Ärzten in der Familie Erkundigungen eingezogen: „Ich trage die Verantwortung für Dich. Ich weiss nicht, ob unsere Entscheidung, nicht mehr ins Spital zu gehen, richtig war.“ Sein Sohn, der das Staatsexamen bestanden hat und am Universitätsspital in Zürich mit irgendwelchen Krankheitserregern doktoriert, hat auch gemeint: „Hol’ den Kerl von zu Hause ab und bringe ihn ins Spital.“ Ich behaupte, ob ich hier oder dort liege, ändere an der Sache wohl auch nichts. Er gibt sich halbwegs geschlagen und sieht einer schlaflosen Nacht entgegen: „Ich habe Dich für morgen früh als Notfall ins Röntgeninstitut Brugg angemeldet. Nachher kommst Du zu mir in die Praxis, und wir sehen weiter.“
So ist es halt, wenn man so viele Ärzte und vor allem junge Ärzte in der Familie hat, denke ich. Erst dann bemerke ich meine Frau. Sie liegt still neben mir im Bett und flüstert: „Ich kann nicht mehr.“ – „Ja, was ist denn jetzt passiert? Bis jetzt ist es doch so gut gegangen.“ – „Ach das Telefon. Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll.“ – „Ignorieren“, sage ich. „Jetzt haben wir doch so gut angefangen. Du machst das gut, hast Freude daran. und jetzt soll auf einmal alles anders sein.“ – „Ja aber, wenn Dein Bruder doch Recht hat ..?“– „Mit was? Ich verstehe ja, dass er sich wegen der Verantwortung Sorge macht. Aber was ändert das? Und die Verantwortung liegt doch ganz bei mir. Mir ist es wohl hier, und im Spital läge ich genau gleich da, einzig mit dem Unterschied, dass ich alle 4 Stunden geweckt würde. So und jetzt schlafen wir und lassen passieren, was passiert.“ Ich glaube fast, ich bin derjenige von den Beteiligten, der diese Nacht am besten geschlafen hat.
Tagwache um 6 Uhr, waschen, neuer Verband und kurz vor 8 Uhr Eintreffen im Medizinischen Zentrum in Brugg. Anstatt eines Frühstücks erhalte ich wieder eine Kanne Wasser, die in einer halben Stunde auszutrinken ist. Wie schon letztes Mal halte ich mich wieder im Gang auf, wo die Luft weniger nach Spital riecht. Eine Ambulanz bringt eine mit vielen Decken eingepackte Frau. Sie liegt still, hat Schmerzen und muss warten. Sanitäter in hohen Schuhen und Montur trampen herum. Ich bekomme wieder eine Infusion mit Kontrastmitteln, lege mich auf den Schragen und werde durch den Computertomographen, der wieder wie ein Willisauer-Ringli aussieht, gefahren. Das Prozedere verläuft rasch, die Untersuchung wird langsam zur Routine. Ankleiden, warten, fertig.
Die kompetente Ärztin holt mich aus dem Wartzimmer ab: „Herr Keller, ich möchte Ihnen die Bilder zeigen.“ – „Frau Doktor, darf ich Ihnen meine Frau vorstellen? Darf Sie auch mitkommen?“ – „Selbstverständlich.“ Die rund 1400 Bilder werden im kargen, fensterlosen Raum auf den Bildschirm geladen. Und wieder beginnt die virtuelle Reise durch meinen Körper. Fasziniert schaut meine Frau, wie die Frau Doktor um die Leber kurvt, hier rasch ein Stück Darm erwähnt, die Niere zeigt und auf die bekannte Flüssigkeit zu sprechen kommt. „Was ist das, und was ist das?“, fragt meine Frau. Die Ärztin gibt geduldig Antwort. „Wie viel Flüssigkeit ist das?“ Die Ärztin schaltet ein weiteres Programm zu, markiert einen Bereich auf dem Bildschirm, fügt eine Zentimeterskala ein, dreht die ganze Sache, misst erneut, rechnet im Kopf und sagt: „Es dürften ziemlich genau 200 Milliliter (2 Deziliter) sein.“ – „Woher kommt die Infektion?“ – „Ja, das kann es nach Operationen halt geben“, meint sie.
Ich sage vorerst nichts. Irgendwie hat das Ganze wie nichts mit mir zu tun. Vielmehr erstaunt bin ich darüber, dass man auf vielen Bildern so etwas wie einen Vorhang, einen Schleier durch meinen Körper, erkennt. Am Schleier aufgehängt sind Fetzen, länglichen Schneeflocken ähnlich, zu erkennen. Der Schleier endet an meiner Bauchwand mit der Wunde. „Ist das der Eiter, der bei der Wunde austritt?“ Ohne zu zögern bestätigt die Ärztin mit einem „Ja“. Ich finde das grossartig. Die Ärztin sucht schöne Bilder vom Schleier und siehe da: „Der Schleier reicht von meiner Wunde bis zur diagnostizierten Flüssigkeit. Ja, hier hat sich der Körper einen Zugang beziehungsweise einen Ausgang geschaffen. Ich finde, das ist ja gut so. Jetzt brauchen wir nur noch zu warten und die Sache kommt in Ordnung.“ Die Ärztin surft weiter, überlegt und meint dann: „Vielleicht haben Sie Recht. Aber sehen Sie: Die Verbindung zur Flüssigkeit ist sehr eng. Der Weg ist weit, und die Menge der Flüssigkeit ist hoch. Ich glaube nicht, dass der Körper das in vernünftiger Zeit schafft. Ich meine, die Flüssigkeit muss entfernt werden.“ Also sind wir gleich weit wie vor einer Woche.
Dass die Punktierung im Kantonsspital Aarau vor einer Woche gescheitert ist, kann die Ärztin bei aller Diplomatie nicht recht begreifen: „Ich meine, das müsste möglich sein. Die haben doch Leute, die das können.“ Sie hat sich sehr viel Zeit genommen für uns. Ich bedanke mich höflich, und sie eilt weiter zur Notfallpatientin.
Die Bilder haben unterschiedlich auf meine Frau und mich gewirkt. Die Wahrnehmung ist persönlich, auch wenn die Information ruhig und umfassend erfolgt. Sie sieht viel mehr die Flüssigkeit – um nicht zu sagen: den Eiter –, und ich bin viel zuversichtlicher: Mein Körper arbeitet in die richtige Richtung und ein Eingriff ist möglich. Mein Hausarzt fackelt nicht lange: Kleiner Bluttest, Einpacken der Diagnose und der Bilder und Einweisung in die Notfallstation des Kantonsspitals Aarau passieren praktisch gleichzeitig. Er sieht müde aus, mag nicht mehr diskutieren und bestimmt über meine Frau: „Nimm ihn, bring ihn nach Aarau in die Urologie, ich werde die Ärzte dort avisieren.“ So sind wir entlassen.
Ich weiss kaum mehr, wie mir geschieht. Irgendwann wird man zu schlapp, um sich einzumischen. Die Blutwerte und die Bilder der Maschine bestimmen den weiteren Weg. Schweigend sind wir unterwegs. Glücklicherweise braucht das Auto noch Benzin. So ergattere ich in der Tankstelle noch ein Gipfeli und eine Flasche Orangina. Ich weiss nicht, weshalb ich auf einmal nach einem Getränk, das nach meinem Empfinden so einen künstlichen Geschmack hat, Lust habe. Auf jeden Fall mampfe und trinke ich und geniesse die Fahrt nach Aarau.
(8) Wiedereintritt durch die Notfallstation: 19.09. bis 21.09.2007
„Ich komme mit.“ Meine Frau, noch unter dem Eindruck der Bilder aus der Computertomographie und der Ernsthaftigkeit des Hausarzts, beharrt darauf, mich persönlich wieder im Kantonsspital Aarau abzuliefern. Man hat uns in die Urologie bestellt. Gepäck haben wir wegen der überraschenden Einweisung keines.
Leicht bedrückt warten wir am Besucherlift. Der Lift kommt, und aus dem Lift tritt der Herr Professor, der mich operiert hat und bei dem wir wieder angemeldet sind. Er erblickt mich, kommt in all den wartenden Leuten auf mich zu, sagt „Guten Tag“ und: „Herr Keller, jetzt ist es nicht mehr lustig.“ Das habe ich auch nie behauptet, und so stelle ich ihm zuerst einmal meine Frau vor. Er beachtet sie kaum, sondern will sofort die Tabelle mit den Blutwerten. Halblaut murmelt er Zahlen vor sich hin. Seine Miene verrät mir nichts. „Haben Sie die Bilder?“ Er drängt uns in den Gang, reisst die Bilder aus dem grossen Couvert, betrachtet sie und meint: „Ja, da, sehen Sie! So, jetzt fahren Sie hoch in die Urologie und warten dort auf mich. Ich habe hier noch etwas zu erledigen.“
Wir fahren mit dem Lift und schlendern durch den langen Gang. Wir sind erstaunt: Der Professor ist schon hier. Irgendwo hat er uns überholt: „Kommen Sie mit!“ Wir müssen unser Tempo beschleunigen, um mit ihm Schritt zu halten. Es geht wieder abwärts in eine grosse unterirdische Eingangsrampe: Die Notfallstation. Ähnlich einer Zollstation sind seitlich mehrere Büros angeordnet. In ihnen wird die Administration erledigt: „Hier. Der Herr Keller, bleibt 5 Tage bei uns, er bekommt wieder ein 2er-Zimmer und tritt via Notfallstation bei uns ein. Ich werde mich um das Weitere kümmern.“ Der Herr Professor verabschiedet sich. Vor der Schiebetür zum Gang der Notfallstation verabschiede ich mich von meiner Frau und trete ein.
In Erinnerung habe ich einen grau-grünen Gang, spärlich möbliert mit Türen nach links und rechts. Eine Pflegefachfrau führt mich in einen der ersten Räume auf der linken Seite. Der Raum ist mit einem weissen Vorhang unterteilt. Ich bekomme das Bett bei der Türe zugewiesen. Mit einem neuen Spitalhemd versehen, lege ich mich ins Bett. Und schon werden wieder der Servicewagen und ein Ständer für Infusionen („Christbaum“) gebracht. Fieber und Blutdruck werden gemessen. Ich wehre mich wieder gegen die Blutabnahme: Mein Blut wurde heute Morgen schon untersucht. Die Unterlagen sind bei den Ärzten. Und eine Infusion möchte ich erst, wenn klar ist, wie es weitergeht. Die erfahrene Pflegefachfrau ist sehr freundlich. Sie insistiert nicht, sondern stellt die Sachen zur Seite. Sie erneuert mir den Verband und hängt vorsorglich das Täfelchen „Nüchtern“ an mein Bett.
Der Mann hinter dem Vorhang
Hinter dem Vorhang höre ich ein verhaltenes, aber regelmässiges Stöhnen und Stimmengemurmel. Leute des Spitals kommen und gehen. Noch habe ich keine Zeit und keine Ruhe, um mich den Eindrücken des Raums hinzugeben: Eine charmante, zierliche, junge Ärztin kommt und setzt sich auf einen Stuhl neben meinem Bett. In gepflegtem Hochdeutsch – Hochdeutsch oder neu Schriftdeutsch wird immer mehr zur Sprache im Kantonsspital Aarau – erläutert sie mir ihre Aufgabe: „Ich muss Sie über Ihren Zustand befragen, damit wir entscheiden können, was wir weiter machen.“ Sie ist informiert, dass sich bereits die Ärzte der Urologie um meinen Fall kümmern. „Sie sind in guten Händen“, meint sie. Sie von der Chirurgie, ist deshalb die Verantwortung für mich los, und wir können uns ganz ohne Anspannung unterhalten. Sie wirkt fröhlich und hört meiner Spitalgeschichte interessiert zu. Treuherzig bekennt sie: „Ich glaube, ich verstehe Sie. Ich würde es wahrscheinlich im Spital auch nicht aushalten. Aber wissen Sie, ich lag noch nie als Patientin in einem Spitalbett.“ Rasch füllt sie ihren obligatorischen Fragebogen aus, wünscht alles Gute und verabschiedet sich. Ich nehme an, sie bekommt einen neuen Fall zugewiesen.
Der Patient hinter dem Vorhang wird zu einer Untersuchung abgeholt. Ich erkenne einen grossen, festen Mann, begleitet von einer zierlichen Frau und einem jüngeren Mann. Aus den erlauschten Gesprächen kristallisieren sich langsam die Krankengeschichte und die Zukunft heraus: Der ältere Mann hat zahlreiche körperliche Reparaturen hinter sich. Irgendwo im Bereich der Leber hat er ein künstliches Röhrchen zur Ableitung unerwünschter Säfte. In den letzten Tagen ist es ihm zu Hause immer schlechter gegangen. Der Hausarzt fand nichts, und so kam die letzte Nacht vor der Einlieferung. Der Patient hatte einen aufgedunsenen Bauch, grosse Schmerzen und 41 °C Fieber. Höher konnte die ältere Frau nicht messen, weil der Fiebermesser nicht mehr anzeigt. Die Frau kann den Mann nicht bewegen, weil er zu schwer ist. Anständig, wie die Leute sind, warteten sie den Morgen ab, bis der junge Mann ihr helfen konnte, ihren Ehemann ins Spital zu bringen. Hier dauerte die Befragung länger. Der Fall ist viel komplizierter als meiner, weil zuerst eine Diagnose gemacht werden muss. Das Fieber und die Schmerzen bekommen die Ärzte rasch in den Griff. Die Untersuchung im Spital dauert länger.
Ich bin allein im Raum und döse vor mich hin. Es klopft, die Tür öffnet sich und ein grosser, starker Mann in einem weissen Kittel tritt herein. „Herr Keller, ich kenne Sie besser von innen als von aussen. Ich bin der Chef der Radiologie, und meine Mitarbeiterinnen haben vor einer Woche versucht, Sie zu punktieren. Ich habe mir die Bilder von damals und die heutigen Bilder angesehen. Der Bereich mit der Flüssigkeit ist etwas grösser geworden. Deshalb glaube ich, dass ich Ihnen die Punktierung machen kann.“ Das ist sicher die Kapazität, von der die nette Ärztin in Brugg gesprochen hat, geht mir durch den Kopf: „Herr Doktor, ich habe volles Vertrauen in Sie.“ – „Ich habe jetzt noch einige Patienten auf dem Programm, Sie müssen sich etwas gedulden, aber am Nachmittag schiebe ich Sie zwischen 2 Behandlungen ein. Sie werden abgeholt. Sie bekommen eine Infusion. Sie wissen wegen der Risiken bei der Punktierung brauchen wir einen raschen Zugang in ihr Blutsystem.“ – „Sie bestimmen, was Sie brauchen; ich lasse es geschehen. Ich habe nur eine Bitte: Nehmen Sie mir die Infusion wieder weg, sobald Sie sie nicht mehr brauchen.“ Er fackelt nicht lange, stimmt zu und verabschiedet sich.
Die Pflegefachfrau nimmt mir Blut – die Ärzte brauchen noch zusätzliche Blutwerte – und steckt die Infusion. „Gar nicht so einfach, bei Ihnen noch einen guten Ort dafür zu finden, der nicht schon verstochen ist“, meint sie. Der erste Versuch misslingt, weil irgendeine Venenklappe den ungehinderten Durchfluss verhindert. Der zweite Versuch an der rechten Hand gelingt.
Der Patient hinter dem Vorhang kommt von der Untersuchung zurück. Über 2 Liter Flüssigkeit wurden ihm aus der Bauchhöhle gesogen. Noch mehr ist drin. Er muss am Nachmittag operiert werden. Der Mann ist ruhig, als ob er schliefe. Ärzte und Pflegerinnen kommen und gehen. Die ältere Frau wird überschüttet mit Fragen, Diagnosen und Hinweisen, was noch passieren könnte. Sie tut mir leid. „Ich habe noch eine Frage“, sagt der Arzt: „Was ist, wenn wir Ihren Mann auf die Notfallstation bringen müssen? Sollen wir das machen, oder möchten Sie das nicht?“ Zuerst verstehe ich die Frage nicht – sie ist auch nicht an mich gerichtet. Ich bin nur unfreiwilliger Zaungast, und kann mir die Ohren nicht zuhalten. Die Frau begreift sofort: „Ja“, sagt sie, „machen Sie, was Sie können.“ Auch für den Arzt ist es schwierig: „Es tut mir leid, dass ich das fragen muss. Wissen Sie, es gibt Leute, die keine lebensverlängernden Massnahmen wollen.“ Jetzt ist auch mir die Frage klar. Die Frau ist sehr tapfer. Als sie wieder allein ist und ihr Mann schläft, telefoniert sie leise. Mit gebrochener Stimme erklärt sie jemandem, was passiert ist und dass sie im Spital bleiben werde, bei ihrem Mann. Fast unhörbar weint sie. Ich getraue mich nicht, sie hinter dem Vorhang anzusprechen.
Der 2. Versuch
Anfangs Nachmittag werde ich, im Bett liegend, abgeholt, durch Lifte und Gänge gefahren, bis ich wieder auf dem Schragen durch den Willisauerringli-ähnlichen Computertomographen liege. Genau um 14.00 Uhr kommt der Herr Doktor. Es sind weniger Leute im Raum als beim letzten Versuch. Ich bin vollkommen ruhig. Sorgfältig werde ich auf den Bauch gelegt; das letzte Mal lag ich schräg auf der Seite. „Die Hände kommen über den Kopf – hier können Sie sich festhalten. Hier noch ein Kissen, das Bein noch etwas weiter so. Geht es? Dann machen wir zuerst nochmals Bilder in dieser Lage.“
In meiner Bewegungslosigkeit sehe ich nicht, was im Raum passiert: „Herr Keller, ich bin in Ihrem Rücken tätig. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde Ihnen jedes Mal sagen, wenn ich etwas mache, oder Sie berühre. Ich rasiere Ihren Rücken. Ich zähle die Rippen und bringe eine Markierung an. Ich desinfiziere; es wird etwas kalt. Geht es?“ – „Ja, natürlich, machen Sie nur, ich halte mich vollkommen still.“ – „Ich mache Sie schmerzunempfindlich. Ich beginne mit dem Einstich.“ Ich spüre nichts. Mein Beitrag besteht tatsächlich nur im Stillhalten. Dann gibt es wieder Bilder. „Ausatmen, einatmen, nicht mehr atmen … Herr Keller, wir sind auf Kurs. Noch ein kleines Stück. Ich brauche nochmals Bilder. Geschafft. Herr Keller, wir sind drin in der Flüssigkeit. Ich sauge ab. Ziemlich genau 200 Milliliter.“ – „Das hat die Ärztin am Morgen auch gesagt.“ –„Dann hat sie sehr gut geschätzt“, kommt das Lob des Spezialisten. „So, jetzt ziehe ich Ihnen ein Schläuchlein ein. Geht das?“ – „Ja“, sage ich. Er meint: „Ich sehe es Ihrer Nasenspitze an, Sie haben Schmerzen. Ich weiss, da ist eine Stelle, die wehtut. Es kommt noch eine. Wir warten einen Moment.“ Der Mann kennt das Innere des Körpers wirklich gut. „So, jetzt befestige ich noch das Schläuchlein an Ihrem Rücken, und dann sind wir fertig.“ Er bedankt sich für meine Mithilfe: „Herr Doktor, der Dank liegt ganz auf meiner Seite. Ich habe gar nichts gemacht.“ – „Eben deshalb haben Sie mir geholfen.“ Ich bin sehr erleichtert und weise ihn noch auf meine Infusion hin. „Nehmen Sie ihm die Infusion weg,“ Er verabschiedet sich und eilt aus dem Raum. Wahrscheinlich muss er versuchen, die Stunde, die er für mich brauchte, in seinem Tagesprogramm wieder wett zu machen.
Ich komme zurück in den Raum der Notfallstation. „Sie müssen sich noch etwas gedulden, bis Sie auf die Pflegestation kommen.“ Ich bekomme zu trinken. Hinter dem Vorhang hat der Patient gewechselt. Diesmal ist es eine ältere Frau, die vor Schmerzen stöhnt. Sie ist allein, allein im Spital und allein auch zu Hause, wie ich nach und nach erfahre. Die schriftdeutsch sprechende Ärztin, welche die Frau befragen muss, hat es schwieriger als diejenige bei mir heute morgen.
Die Frau hinter dem Vorhang
Die Frau ist allein und sollte irgendwann zu einer Diagnose und zu einem Vorschlag für das weitere Vorgehen kommen. Die Patientin ist total vereinsamt. Sie mag ihrem Haushalt, ihrem Haus und ihrem Garten nicht mehr Meisterin zu werden und will keine Hilfe. Ihr Körper gleicht einer Baustelle. Vieles ist schon operiert, ausgewechselt, mit Medikamenten mehr oder weniger unter Kontrolle. Trotz Tabletten hat sie Rückenschmerzen, die sie nachts nicht mehr schlafen lassen. Zeitweise kann sie sich kaum mehr bewegen. Die Patientin ist froh, endlich eine Person zu haben, der sie alles aus ihrem Leben erzählen kann. Die Ärztin hört geduldig zu und bemüht sich beharrlich, die Fragen wieder Richtung Fragebogen zu lenken. Bei den Tabletten verhaspelt sich die Patientin total. Auf hochdeutsch insistiert die Ärztin. Der Patientin verleidet es. „Haben Sie manchmal auch Schwindel?“ – „Ja, ja, Schwindel habe ich oft.“ – „Dreht der Schwindel oder schwankt er?“ – „Was soll der Schwindel?“ – „Haben Sie das Gefühl, alles drehe sich im Kopf wie bei einem Karussell oder schwankt der Kopf wie auf einem Schiff?“ – „Nein, nein, nicht wie auf einem Schiff oder einem Karussell, einfach Schwindel. Wissen Sie eigentlich nicht, wie es ist, wenn man Schwindel hat?“ Und so nimmt die Patientin die Gesprächsführung wieder in ihre Hand. Manchmal muss ich fast schmunzeln, andererseits ist es ja traurig, und die Ärztin ist auch nicht zu beneiden.
Gegen Abend werde ich auf ein Spitalbett umgeladen und auf die Pflegestation, die ich gestern nach dem Urlaub nicht wieder aufgesucht habe, gefahren. Ich erhalte für mich allein ein anderes Zimmer. Die Leute empfangen mich sehr freundlich und haben die Sachen, die ich gestern zurückgelassen hatte, schon in mein neues Zimmer gebracht. Die Nacht verlief so, wie die Nächte im hell beleuchteten Spital halt verlaufen.
Chef mit Gefolge
Am nächsten Morgen werde ich zum Chef der Urologie gerufen. Er will meine Wunde sehen. Es tritt immer noch viel Eiter aus. Er spreizt die Wundränder und legt zur Drainage einen Schlauch ein. Dann bin ich wieder entlassen.
Ich lümmle etwas auf dem Balkon herum und beobachte die Leute auf den Wegen des Spitals. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Zivilisten, Lieferanten, Gärtner, Pflegerinnen und Pfleger und die weiss bekittelten Ärzte sind ständig unterwegs. Speziell sind die grossen Arztvisiten. Dank der gläsernen Hausfassade sieht man in die Gänge vor den Zimmern. Bei der Arztvisite sieht man die Hierarchie. Der älteste Herr ist der Chef. Im Gang reihen sich Ärzte um Ärzte, schön nach dem Datum des Staatsexamens, ein. Die Pflegefachfrau mit den Ordnern über die Fieber- und Blutdruckwerte steht in der Nähe des Chefs. Der Chef schaut, diskutiert mit seiner nächsten Umgebung und schickt sich an, an die Türe zu klopfen. Hinten diskutieren immer noch die jüngeren Ärzte – ich weiss natürlich nicht worüber. Der Chef öffnet die Tür und verschwindet, ihm hinten nach all die Ärzte, die sich im Umzug eingereiht haben. Nach und nach kommen die Nachzügler. Hier eine Ärztin, da noch ein Arzt, der sich still in die Türe schmuggelt. Es geht eine Weile, und der ganze Umzug kommt in umgekehrter Reihenfolge raus auf den Gang. Der Chef diskutiert wieder mit seiner nächsten Umgebung, die Pflegefachfrau notiert. Hinten bilden sich Grüppchen, die auch diskutieren und dann verläuft sich das Ganze, weil sich der Chef verabschiedet. Was der überraschte Patient von so einem Aufzug hat weiss ich nicht. Sicher ist, dass der Patient nicht weiss und nicht informiert wird, was die Pflegefachfrau im Auftrag des Chefs jetzt im Krankenblatt notiert hat.
Beim Käser
Ich besuche meinen vorgestrigen Bettnachbarn. Ein pensionierter Käser, der im Waadtland Käse machte. Wir haben uns gut unterhalten, vor allem über früher und heute. Er hatte eine Sache bei einem Zahnarzt, dann ist der Kiefer irgendwie ausgebrochen. Eine Kieferoperation folgte, und nun hat er eine Infektion und soll die Kopfhöhlen spülen lassen – was auch immer das heissen mag. Er hat auch einen Arzt in der Familie, der ihn von aussen betreut. Als ich den vor 2 Tagen noch aufgeweckten Mann im Bett liegen sehe, erschrecke ich echt. Er kommt mir um Jahre gealtert vor. Er hat Schmerzen, Klammern in der Nase und nachts das Nasenbluten. Wenn es nicht aufhört, müssen die Ärzte etwas in der Nase verätzen. Er mag nicht sprechen, ich kann ihm nicht helfen, und er ist froh, dass ich ihn alleine lasse. Gute Besserung. Ich hoffe, es geht ihm inzwischen wieder besser.
Abends kommt der Herr Professor auf Visite. Die Ärztin, der wir am Sonntagmorgen entwischt sind (Blog vom 2. Oktober 2007), begleitet ihn und muss aufschreiben. Nachdenklich schaut er sich den Plastiksack, der die kaffeebraune Flüssigkeit aus meinem Rücken sammelt, an. „Ist das alles seit heute morgen?“ Die Pflegefachfrau bestätigt das. Dann schaut er mich lange an und meint: „Herr Keller, wir unterbrechen jetzt das Schläuchlein in Ihrem Rücken. Wenn Sie bis morgen keine Schmerzen kriegen, können die Pflegefachfrauen das Schläuchlein rausziehen. Nachher können Sie nach Hause. Der Katheter bleibt drin, und Sie erscheinen am nächsten Montag um 14.00 Uhr bei mir, damit ich mir die Wunde ansehen kann.“ Ich staune und bedanke mich überschwänglich. Offenbar geht es auch so.
Ich schlafe ganz gut, weil ich irgendwie zufrieden bin und sich der Körper langsam an die Geräusche und die Lichter des Hauses gewöhnt. Vielleicht bin ich auch einfach müde. Am Morgen fällt zuerst beim Wechseln des Verbandes die Wunddrainage heraus. Zwei Pflegefachfrauen montieren mir an deren Stelle ein Stück eines Frauenkatheters, worauf sie nicht wenig stolz sind.
Entlassen
Meine Frau kommt und lässt sich in die Finessen der Wundpflege einführen. Ich beginne bereits wieder mit Nörgeln, wohl wissend, dass ich ohne ständiges Fragen das Spital am Morgen nicht verlassen kann. „Das Schläuchlein im Rücken dürfen sie erst ziehen, wenn ein Arzt sein Einverständnis gegeben hat.“ Also warten wir halt. Nachher will das Schläuchlein nicht kommen. Es widersteht den Zugversuchen der Pflegefachfrau. Der Arzt muss wieder kommen. Ich lege mich auf den Bauch, so wie die Sache montiert wurde, er zieht mutiger und die Sache ist erledigt. Pflaster aufs Loch, den Rest muss der Körper machen. „Herr Doktor, wann kann ich gehen?“ – „Ich muss noch den Bericht und die Rezepte für Verbandsmaterial machen.“ – „Den Bericht kann ich auch später holen.“ – „Nein, das geht nicht.“
Allen erkläre ich: „Ich verlasse das Spital vor dem Mittagessen“ – obwohl ein solches bestellt war. Ich wandere unruhig im Gang auf und ab, die Taschen gepackt. Meine Frau isst dann um 11.30 Uhr noch mein Mittagessen – ich erkläre mich im Hungerstreik – und kurz vor 12 Uhr verlassen wir mit allen Berichten und guten Wünschen die Pflegeabteilung.
Wieder geht es nach Hause, diesmal sogar mit dem Einverständnis der Ärzte.
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